Hilfe! Mein Partner steht auf Gips!

Wenn Du auf dieser Seite gelandet bist, hast Du vermutlich herausgefunden, dass Dein Partner einen Gipsfetisch hat. Was bedeutet das für Dich? Was bedeutet das für ihn? Und was bedeutet das für eure Beziehung? Auf dieser Seite möchten wir betroffene Partnerinnen und Partner von Gipsfetischisten über das Thema aufklären, falsche Vorurteile abbauen und helfen, damit richtig umzugehen.

Einen sexuellen Fetischismus zu haben bedeutet, sexuelle Erregung nicht (nur) durch den Körper eines anderen Menschen zu erfahren, sondern auch durch andere Gegenstände und/oder Materialien. Ein Fetisch kann sich auch auf bestimmte Körperteile beziehen, häufig betrifft dies beispielsweise Füße. Partnerinnen von Gipsfetischisten haben nun häufig das Gefühl, nicht das sexuelle Interesse ihres Partners auf sich zu ziehen und damit nachrangig behandelt zu werden. Um zu begreifen, dass dem tatsächlich nicht so ist, ist es erforderlich, die Bedürfnisse des Partners zu verstehen. Der Gipsfetisch ist nichts, wofür man sich schämen müßte. Für viele Gipsfetischisten bietet er eine willkommene Möglichkeit, das persönliche (und idealer Weise parterschaftliche) Leben abwechslungsreicher zu gestalten. Dennoch berührt dieses Thema einen sehr sensiblen intimen Bereich, weswegen kein Fetischist seine Vorliebe an die große Glocke hängen wird. Im Gegenteil, viele Betroffene können sich aus falscher Scham nicht dazu überwinden, selbst vertrauten Menschen von ihren Gefühlen zu erzählen.

Was nun ist ein Gipsfetisch wirklich? Diese Frage kann nur individuell beantwortet werden, denn jeder Fetischist hat andere Vorstellungen. Allen gemein ist, dass sie eingegipste Gliedmaßen betreffen. Manche Fetischisten bevorzugen Arme, die meisten aber Beine und Füße. Für die einen muß es klassischer Weißgips sein, andere mögen lieber Kunststoffgipsverbände aus Glasfaser. Vielen sind auch Schienen oder einfache Verbände ausreichend. Einige Gipsfetischisten lassen sich selbst gerne verarzten, andere ziehen es vor, ihren Partner auf diese Weise zu behandeln. Besonders wichtig, aber für Außenstehende schwer zu verstehen ist es jedoch, dass in der Regel weder Schmerzen noch eine zugrundeliegende Verletzung Inhalt des Fetisch sind. Gelegentlich geht der Gipsfetisch Hand in Hand mit weiteren – mitunter atypischen – sexuellen Interessen. Krücken oder Rollstühle, High-Heels oder Birkenstock-Sandalen, Socken oder Strümpfe – das sind nur einige Möglichkeiten.

Niemand sucht sich seinen Fetisch aus. Bei den meisten Gipsfetischisten entwickelt sich diese Vorliebe bereits im Kindesalter. Häufig, aber nicht immer, liegt dem ein auslösendes Schlüsselerlebnis zugrunde, etwa die Erfahrung besonderer Liebe und Zuneigung während der Rekonvaleszenz nach einer mit Gips behandelten Verletzung. In der weiteren Folge manifestiert sich diese Vorliebe und ist nicht mehr reversibel. Auch ein Besuch beim Psychologen wird daran nichts ändern. Für Psychologen ist ein sexueller Fetischismus eine völlig normale Sache, die nur in sehr wenigen Ausnahmesituationen einer Behandlung bedarf. So mancher Gipsfetischist sucht jedoch von sich aus einen Psychologen auf – dies aber weniger wegen des Fetisch selbst sondern wegen der Tatsache, dass sein Fetisch beim Partner nicht auf Verständnis stößt oder er sich nicht in der Lage sieht, diesen auszuleben. Eine solche Situation stellt für die Betroffenen eine sehr große psychische Belastung dar, die für Außenstehend nur schwer nachzuvollziehen ist.

Als Partnerin oder Partner eines Gipsfetischisten ist es also völlig irrational, dem Partner den Fetisch abgewöhnen zu wollen. Er wird ihn bestenfalls verstecken, verheimlichen oder unentdeckt ausleben, jedoch niemals seine sexuelle Prägung ändern. Der Gipsfetisch ist eine Eigenschaft Deines Partners. Wie seine Augenfarbe kannst Du diese nicht ändern, sie ist wesentlicher Bestandteil seiner Persönlichkeit. Ein Fetisch ist, wie erwähnt, auch keine psychische Krankheit. Dies wäre nur dann zutreffend, wenn sexuelle Praktiken mit dem Partner praktisch unmöglich sind, beim Betroffenen ein hoher Leidensdruck entsteht, er sich oder anderen Schaden zufügt. (In diesem Fall spricht man von einer Paraphilie, die Definitionen in der Fachliteratur sind allerdings unterschiedlich.) Das ist jedoch die Ausnahme, in der Regel läßt sich der Fetisch mit dem partnerschaftlichen Sexualleben problemlos vereinbaren. Die einzige Voraussetzung dafür ist ein verständnisvoller Partner, der zumindest bereit ist, offen und unvoreingenommen über das Thema zu sprechen.

Die Erfahrung zeigt, dass einige Partnerinnen und Partner dieses Verständnis nicht aufbringen können. Die Ursache liegt häufig in gesellschaftlichen Normen, die – so die Auffassung der Betreffenden – einen solchen Fetisch nicht zulassen. Mit anderen Worten, ein solcher Fetisch sei abnormal und pervers. In diesem Zusammenhang sei angemerkt, dass die Psychologie den Begriff der Perversion nicht (mehr) verwendet, vielmehr handelt es sich um eine Devianz, ein von der Norm abweichendes sexuelles Verhalten. Hier stellt sich die Frage, wem es obliegt, darüber zu urteilen, was normal ist und was nicht. In der Sexualpsychologie ist hinreichend bekannt, dass es nicht nur eine eine Art der Sexualität gibt. Viel mehr wird der westlichen Gesellschaft von Kindesbeinen an ein sehr eintöniges Bild der menschlichen Sexualität vermittelt, welches weder zutreffend noch zeitgemäß ist. Für viele, hauptsächlich sehr konservative Menschen ist es unvorstellbar, dass es Dinge gibt, die es ihrer Vorstellung nach nicht geben darf. Falls auch Du zu diesen Menschen gehörst, versuche, Dich aus diesem Korsett der gesellschaftlichen Normen zu befreien. Baue Deine Meinung nicht auf unbegründeten Vorurteilen auf. In der Realität haben mehr als 50 Prozent der Männer der westlichen Welt irgendeine Form eines Fetisch – in völlig unterschiedlicher Ausprägung. Hält man sich diese Tatsache vor Augen, muss man rasch erkennen, dass die sogenannte “Normalität” eher die Ausnahme als die Regel ist.

Speziell der Gipsfetisch wird von Außenstehenden rasch mit Schmerzen und Verletzungen in Verbindung gebracht. Dieser erste Eindruck, der sich zwangsläufig aus der medizinischen Natur des Gipsverbandes ergibt, ist jedoch nur sehr selten zutreffend. Ein Gipsfetischist sieht in einem Gipsbein völlig andere Aspekte. Einerseits stellt ein Gipsverband eine Art Kleidungsstück dar, das für ihn ausgesprochen attraktiv ist, vergleichbar mit aufreizender Unterwäsche für die Masse der Männer. Gleichzeitig kann aber auch ein gewisser Grad der Hilflosigkeit des Partners auf den Gipsfetischisten stimulierend wirken – ebenso wie verschiedene Bewegungsmuster, die sich beispielsweise durch das Tragen eines Gipsbeins zwangsläufig ergeben.

Dabei handelt es sich um nichts anderes als ein Spiel, dem keine reale Verletzung und keine Schmerzen zugrunde liegen. In diesem Kontext sei erwähnt, dass die Möglichkeiten derartiger sexueller Spielarten und Interessen nahezu unbegrenzt sind. Als “Looners” bezeichnen sich etwa Menschen, deren sexuelle Praktiken Luftballons involvieren. “Furries” schlüpfen in die Rolle plüschiger Tiere oder Phantasiefiguren. Und diverse Fesselspielchen der SM-Szene haben sich mittlerweile auch bis zu den prüdesten Zeitgenossen herumgesprochen. Der Vielfalt der menschlichen Sexualität sind hier keine Grenzen gesetzt. Das Spiel endet jedoch dort, wo bei der Ausübung sexueller Praktiken andere Menschen psychisch oder physisch zu Schaden kommen. Gottseidank trifft dies in der Regel auf den Gipsfetisch nicht zu. Was also ist am Gipsfetisch schlecht? Die Antwort ist relativ einfach: Objektiv betrachtet ist daran genau gar nichts schlecht. Vor dem unreflektierten Hintergrund eines Außenstehenden jedoch mag ein völlig falscher Eindruck entstehen.

Was kannst Du nun als Partnerin oder Partner eines Gipsfetischisten tun? Wie sollst Du richtig reagieren? Für viele Menschen ist es zunächst ein Schock, zu erkennen, dass ausgerechnet der Mensch, zu dem man das innigste Verhältnis aufgebaut hat, sich auf einer sexuellen Ebene nicht so verhält, wie sie es stillschweigend vorausgesetzt haben. Eine gesunde Partnerschaft fußt jedoch bei weitem nicht nur auf gemeinsamen sexuellen Phantasien. Die wohl wichtigsten Eigenschaften, die jeder funktionierenden Beziehung zugrunde liegen, sind gegenseitiges Vertrauen und Verständnis. Das, und zunächst einmal nichts Anderes, erwartet Dein Partner von Dir. Die mit Abstand unpassendste Reaktion ist also, den Partner vor den Kopf zu stoßen oder gar lächerlich zu machen. Es hat ihn zweifelsfrei einiges an Überwindung gekostet, Dich in sein persönliches Geheimnis einzuweihen. Dies stellt einen uneingeschränkten Vertrauensbeweis Deines Partners dar. Nur aufgrund einer gemeinsamen Vertrauens- und Verständnisbasis war dieses “Outing” überhaupt möglich. Nun ist es an Dir, Verständnis zu zeigen und damit die Basis eurer Beziehung zu festigen. Verweigerst Du dieses Verständnis, erschütterst Du damit euer Verhältnis in seinen Wurzeln.

Was aber, wenn ihr auf der Straße einem Menschen mit Gipsarm oder -bein begegnet? Du wirst feststellen, daß Dein Partner die Gabe besitzt, solche Erscheinungen in Sekundenbruchteilen aus dem Augenwinkel zu erkennen. Auch dieses Verhalten ist vor dem Hintergrund der sexuellen Prägung völlig normal und praktisch kaum zu unterdrücken. Es besteht auch ganz sicher kein Grund zur Eifersucht. Vielmehr bieten Dir solche und ähnliche Erlebnisse die Möglichkeit, durch Gespräche mit dem Partner in seine Gefühlswelt einzutauchen. Sei neugierig, aber nicht vorwurfsvoll. Du wirst herausfinden, welche Details Dein Partner besonders ansprechend findet.

Für Dich mag dieses Thema völliges Neuland sein, Deinen Partner begleitet es schon ein Leben lang. Er erwartet nicht, dass Du sofort verstehst, was der Gipsfetisch für ihn genau bedeutet. Hier gibt es starke individuelle Unterschiede, über die er Dich in einem gemeinsamen Gespräch sicher gerne aufklärt. Ein solches Gespräch hilft wahrscheinlich Dir, die Gefühle und Bedürfnisse Deines Partners zu verstehen, andererseits ist es für Deinen Partner sehr erleichternd, sein Geheimnis mit einem vertrauten Menschen teilen zu können. In weiteren Gesprächen lassen sich Möglichkeiten erörtern, wie der Fetisch in das gemeinsame Sexualleben einfließen könnte. Das Ergebnis einer solchen Diskussion mag ein Kompromiss sein, aber Deine Beereitschaft, die Vorstellungen Deines Partners einmal zumindest in Ansätzen auszuprobieren, ist das größte Geschenk, das Du ihm machen kannst. Dazu versuche, Dich von allen gesellschaftlichen Normen zu befreien. Wie bereits erwähnt – es handelt sich um ein Spiel zwischen euch beiden, das – wenn auch Du Dich darauf einlässt – euer Sexualleben bereichern wird.

Während jeder sexuellen Interaktion sind Deinem Partner seine fetischistischen Gedanken präsent. Dies bedeuted jedoch nicht, dass er Dich sexuell nicht begehrt. In seiner Phantasie ergänzt er das Szenario jedoch um seine Vorstellungen. Wenn Du die Hauptrolle in seiner Phantasie spielen möchtest, dann bleibt Dir wenig anderes übrig, als diese Rolle in eurem Spiel in irgendeiner Form zu übernehmen. Wie Du diese Rolle übernehmen kannst, findest Du nur in einem Gespräch mit Deinem Partner heraus. Nicht zwingend bedeutet das, dass Du Dir jedes Mal einen Gips anlegen lassen mußt, vielleicht reicht es schon, verbal an seinen Phantasien teilzuhaben. Zeige in jedem Fall Verständnis, so fremd Dir seine Phantasie auch erscheinen mag. Dein Versuch, seine Welt zu verstehen, ist Dein größter Liebesbeweis.

Du hast weitere Fragen? Du bist Dir trotz der Lektüre dieses Textes noch nicht sicher, wie Du mit dem Gipsfetisch Deines Partners umgehen sollst? Schreib uns einfach! Wie Du uns erreichst, steht auf unserer Kontakt-Seite.